Eligiuspreis 2010
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Reiner Cunz
Auszug aus der Laudatio des Vorsitzenden der Jury, Prof. Dr. Bernhard Overbeck:
[…] Lieber Herr Cunz, der große österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer hat in seinem Roman „Die Dämonen“ treffend formuliert: „Das Studium einer Fachwissenschaft ist einer Brautschau ähnlich. Die gesamte Heilkunde oder die gesamte Zoologie oder die gesamte Altertumswissenschaft führen an sehr viele und sehr verschiedene Objekte der Liebe heran, bis endlich ein aus fast unerforschlichen Wurzeln der Biographie heraufsteigender Eros sich auf eines oder einige derselben stürzt: die Karzinome, die Lepidoptera (die Schmetterlinge) oder die Brakteaten. Es gehört dazu auch, dass normale Mitbürger nicht einmal wissen können, was das nun eigentlich sei.“
Hier waren es die Brakteaten, auf die Ihr Eros sich unter anderem stürzte, und in diesem Falle kann man überzeugt sein, dass alle hier im Saale natürlich wissen, was das ist. Beim Studium der Brakteaten allein, zu Marburg bei Wolfgang Heß und Niklot Klüßendorf zweifellos intensiv zur Kenntnis genommen, blieb es bei Ihnen freilich nicht. Der Althistoriker Hans Werner Ritter legte auch bei Ihnen die Basis für solide Kenntnisse in der antiken Numismatik. Er ist auch mir als Lehrer in ausgezeichneter Erinnerung, brachte er dem Studenten doch geduldig und mit der ihm eigenen präzisen Beobachtungsgabe das Bestimmen römischer Fundmünzen bei. Inzwischen geben Sie die Fackel der numismatischen Wissenschaft als Lehrbeauftragter in Göttingen weiter, wobei der Lehrauftrag im Bereich der Historischen Hilfswissenschaften angesiedelt ist. Dieses Wort allein definiert bereits klar die Bedeutung der Numismatik: Sie bringt den historischen Wissenschaften als authentische und vieles erhellende Quelle wahre Hilfe.
Ihre nun schon ein viertel Jahrhundert währende Tätigkeit in Hannover hat Ihnen das Vertrauen und die Achtung vieler Kollegen gewonnen. Seit elf Jahren sind Sie Vorsitzender der Numismatischen Kommission der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, seit sieben Jahren Vizepräsident von ICOMON, International Committee of Money and Banking Museums, und haben in diesen Eigenschaften viel bewirkt. Als ordentliches Akademiemitglied der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft haben Sie zum großen Nutzen der Numismatik einen fruchtbringenden Kontakt hergestellt und auch eine Brücke geschlagen von der Numismatik zu den Naturwissenschaften.
Vieles muss aus Zeitgründen in diesem Rahmen unerwähnt bleiben, sicher aber nicht Ihre Haupttätigkeit als Kustos am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover und als Betreuer des Königlichen Münzkabinetts (früher Niedersächsisches Münzkabinett der Deutschen Bank). Nur als ein Beispiel möchte ich hier Ihre schöne Ausstellung „Vom Taler zur Mark“ nennen, die gleichermaßen für Fachnumismatiker und die breite Öffentlichkeit interessant war und die viele Menschen als Wanderausstellung mit 69 Stationen erreicht hat. […]
Aber zurück zur Münzensammlung der Welfen: Die alte, seit 1745 sukzessive aufgebaute Welfensammlung war 1983 durch den kunstsinnigen Vorsitzenden, damals bereits Ehrenvorsitzenden der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, für die Deutsche Bank angekauft und somit für Wissenschaft und Öffentlichkeit gerettet worden. Als sich als Folge der Wirtschaftskrise die Deutsche Bank vor vier Jahren von diesem bedeutenden nationalen Kulturgut „Welfensammlung“ trennen wollte, und ihr weiteres Schicksal ungewiss war, gab es viele Initiativen, diesen Schatz nicht nur für die Öffentlichkeit zu erhalten, sondern auch für den weiteren Verbleib in Hannover zu sorgen. Dass das gelungen ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass nun im Niedersächsischen Landesmuseum zu Hannover eine Ausstellung eröffnet wurde, die Reiner Cunz konzipierte. Titel der Ausstellung: „Eine königliche Sammlung – das neue Münzkabinett im Landesmuseum Hannover“. […] Auch weitere Zukunftspläne gibt es, etwa die Idee, wichtige numismatische Sammlungen in Niedersachsen zusammenzuführen und somit ein numismatisches Zentrum aufzubauen.
Es gibt viel zu tun, lieber Herr Cunz, und das neben der täglichen Arbeit des Museumsnumismatikers. Die soeben eröffnete Sonderausstellung mit Cimelien aus der Welfensammlung gibt einen ersten kleinen Vorgeschmack, eine vergleichsweise winzige Kostprobe. Der Eligius-Preis ist Ihnen einstimmig von der Jury zuerkannt worden, natürlich nicht nur wegen dieser Kostprobe in der neuen Ausstellung, sondern ob Ihres steten Engagements für die Numismatik, Ihre integrierende Arbeit in vielen Gremien und Organisationen und für Ihre Lehr- und Museumsarbeit in all ihren Facetten. Sie haben mir gegenüber betont, dass Sie die Welfensammlung als bescheidener Landesbediensteter nicht gerettet haben, sondern dass dies durch die Einsicht der maßgeblichen Politiker geschehen ist, natürlich angeregt durch das große, ja unerwartet hohe Interesse der Öffentlichkeit. Diese großartige Sammlung ist jedenfalls weiterhin Ihr reiches Arbeitsfeld, und man kann überzeugt sein, dass Sie weiterhin in und mit ihr arbeiten werden, zum Nutzen der wissenschaftlichen Numismatik und der Öffentlichkeit.


